Einleitung
Die Situation der Straßenkinder
Brasilien ist Südamerikas größter Staat mit mehr als 194 Millionen Einwohnern (Stand: 2010) und einer stark wachsenden Population. 84% der Bevölkerung lebt in Städten bzw. in den weit auslaufenden, riesigen Peripherien der Metropolen, die auch als Favelas (Slums) bekannt sind. Salvador ist Brasiliens drittgrößte Stadt im Bundesstaat Bahia mit einer Bevölkerung von 2,9 Millionen Menschen. Der Großteil (60%) dieser Menschen lebt in den übervölkerten Favelas, was ein Leben auf engstem Raum unter unwürdigen Bedingungen, in Armut, Krankheit und Perspektivlosigkeit bedeutet.
In den Favelas spielt sich das Leben der Bewohner überwiegend auf den Straßen ab, da die Behausungen (Wellblechbaracken oder einfache Lehmhütten) keinen ausreichenden Platz für die großen Familien bieten. Die Infrastruktur wie Wasser-, Strom- oder Abwasserversorgung ist nur sehr unzureichend oder gar nicht gegeben und an öffentlichen Eintrichtungen wie Krankenhäusern oder Kindergärten fehlt es meist gänzlich. Auch gibt es trotz bestehender Schulpflicht nur viel zu wenige Schulplätze für die vielen Kinder der Elendsviertel und Ausbildungsplätze oder weiterführende Schulen gibt es so gut wie keine.
Schätzungsweise zehn Millionen Kinder in Brasilien leben auf der Straße. Für die Kinder ist die Straße häufig die einzige soziale Realität, die sie kennengelernt haben. Denn ihre Familien sind zerrütet, sie wachsen meist nur mit ihren Müttern und den vielen Geschwistern auf und ihre leiblichen Väter kennen sie nur selten. Schon in sehr frühem Alter sind sie auf sich allein gestellt und viele dieser Kinder verwahrlosen, da es ihnen an Zuneigung und Beschäftigung fehlt. Auf der Suche nach einer Überlebenschance nehmen viele der kleinen Kinder (ab dem sechsten Lebensjahr) alle Arten von Jobs an, die sie bekommen können. Häufig müssen sie neben ihrer eigenen Existenz auch die der jüngeren Geschwister sicherstellen. Der Einstieg in eine kriminelle Drogenbande oder der Verkauf des eigenen Körpers scheinen oft der einzige Ausweg und gehören zur Tagesordnung. Außerdem bieten die verschiedenen Gruppierungen den Kindern zusätzlich Schutz auf der Straße. Denn ein Menschenleben zählt im Kampf um das tägliche Überleben nur wenig und hat schon vielen Straßenkindern das Leben gekostet.
Das anschließende Entkommen aus den Banden und Drogenkreisen ist nur schwer möglich. Den Kindern wird gedroht, sie werden misshandelt und nicht zuletzt selbst zu Süchtigen gemacht, die Drogen verkaufen und kriminell sein müssen, um ihre Sucht befriedigen zu können. Außerdem fehlt es den Kindern an Alternativen und Auswegen wie sie ihren Alltag gestalten und auf der Straße überleben können. Erschwert wird die
Resozialisierung dieser Kinder durch den Gewalt- und Alkoholkonsum innerhalb ihrer Familien, welche nicht fähig sind, ihre Kinder zu versorgen oder zu betreuen. Die Perspektivlosigkeit und die teilweise Misshandlung nimmt den Kindern die Möglichkeit, eine Persönlichkeit zu entwickeln, die es schafft, sich dem Kreislauf aus Gewalt und Drogen zu entziehen. Die psychischen und physischen Folgen aus den prägenden Kindheitserfahrungen sind für die kleinen Seelen verheerend.

